Samstag, 6. Juni 2015

[Rezension] Emily Lockhart: "We were Liars"

Titel: "We were liars" (englisch)
Autorin: Emily Lockhart
Verlag: Delacorte Press
Erscheinungsjahr: 2014
Format // Preis: 17,47€ (gebundene Ausgabe) // 10,49€ (Taschenbuch) // 3,99€ (Kindle-Edition)
Seiten: 227



Anmerkung: Eigentlich schreibe ich die Inhaltsangaben meiner rezensierten Bücher immer selber, weil ich die meisten Klappentexte nicht besonders gelungen finde. "We were liars" bildet dabei jedoch eine Ausnahme, deswegen überlasse ich es an dieser Stelle ausnahmsweise Cadence Sinclair, der Hauptprotagonistin dieses Romans, sich selbst und ihre Geschichte vorzustellen:

Welcome to the beautiful Sinclair family.
No one is a criminal.
No one is an addict.
No one is a failure.
[...]
The are the Sinclairs.
No one is needy.
No one is wrong.
We live, at least in the summertime, on a private island off the coast of Massachusetts.
Perhaps that is all you need to know.
(S. 3)

Frei übersetzt:
Willkommen bei der wunderbaren Familie Sinclair.
Niemand ist ein Krimineller.
Niemand ist ein Süchtiger.
Niemand ist ein Versager.
[...]
Wir sind die Sinclairs.
Niemand ist bedürftig.
Niemand ist falsch.
Wir leben, zumindest im Sommer, auf einer privaten Insel vor der Küste von Massachusetts.
Vielleicht ist das alles, was du wissen musst.




"We were liars" gehört zu den wenigen Romanen, die ich unbedingt lesen wollte, bevor ich wusste, worum es eigentlich geht. Nein, mehr noch: Ich wollte gar nicht wissen, auf welches Buch im mich da einlasse, sondern endlich einmal wieder vollkommen unvoreingenommen ein Buch kennen lernen, wo ich nicht während der erste fünfzig bis hundert Seiten (oder womöglich sogar während des gesamten Romans) genau weiß, was mich erwarten wird. Deswegen traf dieser Roman genau meinen Geschmack und darum stimme ich Cadence in jeder Hinsicht zu: Was ihr auf der ersten Seite oder in Kurzform auf dem Klappentext über dieses Buch erfahrt, ist möglicherweise alles, was ihr wissen müsst, um mit der Lektüre dieses einzigartigen Buches zu beginnen.

Damit wäre ich auch schon bei meinem ersten Punkt. Dieses Buch ist auf jeden Fall einzigartig und das in vielerlei Hinsicht. Zum einen natürlich dadurch, dass es ein englisches Buch ist, das bisher (Stand: Juni 2015) noch nicht auf Deutsch erschienen ist. Doch gerade das macht den besonders schönen und faszinierenden Charakter dieses Buches aus. Ich bereue es nicht, dass ich es in der Originalsprache gelesen habe, denn obwohl es seit langem mein erstes englischsprachiges Buch war, hat mich die erzählerische Ausgestaltung vom ersten Moment an in ihren Bann gezogen. Der Schreibstil ist einfach, klar und manchmal fast schon aufgesetzt kunstvoll, beschreibt aber genau jene Atmosphäre, die sich auf der geheimnisvollen Insel der Familie Sinclair abspielt. Es handelt sich nicht um einen typischen  Sommerroman, sondern die Geschichte ist durchsetzt von schwerwiegenden Grauzonen, die Lockhart in ihrer Art des Schreibens sehr gut vermittelt.

Zum anderen kommt noch hinzu, dass mir auch die künstlerische Gestaltung richtig gut gefallen hat, weil sie so passend gewählt war. Am Anfang des Buches lernt der Leser nicht nur die familieneigene Insel auf einer schön gezeichneten Karte, sondern ferner auch den Familienstammbaum der Sinclairs kennen. Beides vermittelte nicht nur einen schönen ersten Eindruck, sondern war auch während des Lesens eine gute Hilfe, um sich die Geschichte besser vorzustellen und die auftretenden Personen miteinander verknüpfen zu können (gerade ich mit meinem guten Namengedächtnis, hust).


Kommen wir nun aber zur eigentlichen Geschichte, erzählt aus der Ich-Perspektive von Cadence Sinclair Eastman. Ich möchte euch natürlich genauso wenig die Freude vorwegnehmen, wie ich sie mir selbst nicht vorweggenommen habe und versuche, euch nur meine Eindrücke zu vermitteln, ohne viel von der Handlung preiszugeben. Die Geschichte spielt sich größtenteils auf der Insel der Familie Sinclair ab und gliedert sich in mehrere aufeinanderfolgende Sommer, benannt nach "Summer Thirteen", "Summer Fourteen" und so fort. Jeder Sommer steht für das Alter der Hauptprotagonistin Kadence, die ihre Zeit im Sommer auf dieser Insel verbringt. Deswegen vermutet man hier zunächst eine ungetrübte Sommerzeit, doch schon der Titel macht deutlich, dass die Geschichte nicht nur an der Oberfläche vor sich hin plätschert, sondern auch erschreckend in die Tiefe geht. Es ist, als ob der Roman selbst versucht, dem Leser eine fröhliche Stimmung vorzugaukeln, die aber schon allein durch den Titel komplett ausgehebelt wird. Diese Erfahrung machte auch ich, als ich immer tiefer in die Geschichte eintauchte. Cady durchlebt in diesem Buch ein wahres Wechselbad der Gefühle, wandert vom schlimmsten Zustand in höchstes Glück und als Leser wurde auch ich irgendwann davon eingenommen. Doch richtig eingeschlagen hat dieser Roman erst zum Schluss, als die Karten plötzlich schonungslos auf dem Tisch lagen. Ich weiß noch, wie ich dieses Buch für einen Moment aus der Hand legte, tief durchatmete und dann lächeln musste. Lockhart hatte mich als Leser genau dahin geführt, wo sie mich haben wollte, um mich dann, am Ende des Buches mit der ungeschönten Wahrheit zu konfrontieren und damit verwirrt zurückzulassen. Ich dachte mir nur: "Wooow!" und dann: "Nicht schlecht!"




Achtung: Diese Rubrik beinhaltet einige persönliche Erfahrungen und Eindrücke von mir, die nicht explizit zur Rezension gehören. Wenn ihr euch nur einen Überblick über das Buch verschaffen wolltet, könnt ihr auch direkt zur nächsten Rubrik: "Mein persönliches Fazit" springen und dort weiterlesen.

Obwohl "We were liars" mein erstes englisches Buch seit langem war, habe ich es sehr flüssig und voller begieriger Vorfreude in wenigen Tagen verschlungen. Dies lässt sich vermutlich nicht zuletzt auf den angenehmen Schreibstil der Autorin zurückführen, der für emotionale und feinfühlige Romane zwar weniger geeignet ist, hier jedoch seine ganze Wirkung gezielt entfalten konnte. Denn auch wenn das Buch keine rührselige Liebesgeschichte ist, so ist es dafür sehr ausdrucksvoll und erschütternd. Ich verliebte mich vom ersten Moment an in die Insel, die Personen und die Umstände, die sie zueinander hin und voneinander weg führten. Nur mit Cadence blieb ich bis zum Schluss auf Abstand, weil ich schon nach wenigen Seiten ahnte, dass sie die Geschichte mit vielen persönlichen Färbungen darstellen wird. Sie ist zwar an sich eine starke Person, doch hinter der harten Schale steckt ein weicher Kern, der dann deutlich wird, wenn sie das Geschehen aus einer sehr übertriebenen Sicht darstellt. Dafür mochte ich die anderen Personen umso mehr, weil sie alle unverwechselbare Kanten hatten und sich dennoch perfekt in die Geschichte einfügten (Meine persönlicher Favoriten sind Gat und ... Johnny. Johnny ist vermutlich die normalste Person im ganzen Buch).

Wenn ihr euch ebenfalls for diesen Roman interessiert, kann ich euch wärmstens empfehlen, ihn auf Englisch zu lesen, vor allem wenn ihr ein grundlegendes Interesse für andere Sprachen mitbringt. Mit einem soliden B1-Niveau und einem Wörterbuch zum Hin-und-Wieder-Nachschlagen. Für alle anderen gibt es auch die Möglichkeit, bis zum Spätsommer zu warten, dann erscheint "We were liars" unter dem deutschen Titel "Solange wir lügen" auch auf Deutsch. Eigentlich bin ich mit deutschen Titel-Übersetzungen eher auf Kriegsfuß, aber dieser Titel konnte mich doch etwas versöhnlich stimmen.




"We were liars" ist ein ungewöhnlicher und einzigartiger Roman, der mich von der ersten bis zur letzten Seite überzeugen wurde. Zu keiner Sekunde setzte bei mir ein Gefühl der Langeweile ein,  so undurchschaubar war dieses Buch und auch der Überraschungseffekt zum Schluss machte seinem Namen alle Ehre. Es ist ein Roman, der sich den Erwartungen des Lesers entzieht und ich weiß auch immer noch nicht genau, wo ich ihn in mein Bücherregal einordnen soll (Ich sortiere meine Bücher nach Genres und innerhalb der Genres nach Farben). Fakt ist jedoch, dass Lockhart mit diesem Roman eine wirklich fesselnde und nachdenkliche Geschichte gelungen ist, die mich auch Tage nach dem Lesen noch beschäftigt hat.
Deswegen gebe ich "We were liars" verdiente fünf von fünf Sternen.

★ ★ ★ ★ ★


Kommentare:

  1. Wundervolle Rezi!
    Auch das Buch bei mir nicht ganz so gut angekommen ist, bin ich doch sehr zufrieden, es gelesen zu haben. "We were liars" war auch für mich ein Buch, das ich unbedingt lesen musste, weil alle davon geschwärmt haben. Der Schreibstil ist einfach unglaublich... umwerfend. Ich weiss nicht mehr genau, welche Stelle, aber irgendwo wurde Mirren (oder doch wer anders?) mit Nomen beschrieben. Mirren ist Zucker, Regen und noch was anderes (ich habe offenbar auch so ein sagenhaftes Gedächtnis). Auf jeden Fall hat die versteckte, nüchterne Art, wie die Autorin die Geschichte erzählt, einen Schuss Poesie drin. Das Ende dagegen war gar nicht meins. Ich hatte das Gefühlt, die Autorin wollte nur mit einem möglichst unmöglichem Ende schocken.
    Liebe Grüsse ;-)

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    1. Hallo und vielen lieben Dank für die netten Worte! :D
      Ich bin absolut deiner Meinung, der Schreibstil von Lockhart ist wirklich einzigartig. Er ist poetisch (Ich weiß, welches Beispiel du mit Mirren meinst, komm aber auch gerade nicht drauf, was sie noch war ^^) und sachlich-nüchtern zur selben Zeit und gerade diese Mischung hat der ganzen Geschichte ihren unverwechselbaren Charakter gegeben.

      Ich muss auch zugeben, dass ich lange überlegt habe, wie ich den Roman letztlich bewerten soll ... Das Ende selbst ist eigentlich kein neuartiger Meilenstein in der Literaturgeschichte und wie Cady derart nachlässig handeln konnte, ist schon seeehr grenzwertig. Doch letztlich war es die wundervolle Sprache, die mich überzeugen konnte, dem Roman fünf Sterne zu geben ;-)

      Liebe Grüße zurück :)

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  2. Hei c:
    Eine wirklich gelungene Rezension! Ich habe das Buch auch schon länger im Blick und nachdem du so begeistert davon sprichst, muss ich es mir vielleicht doch noch näher ansehen .. :D

    Ganz viele liebe Grüße, Rainbow ☼♥
    walkingaboutrainbows.blogspot.de

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    1. Hallo Rainbow,
      vielen Dank für die nette Rückmeldung. Freut mich, dass ich dein Interesse für dieses Buch wecken konnte :) Gib mir Bescheid, wenn du es gelesen hast, ich bin schon gespannt auf deine Meinung.

      Viele Grüße zurück,
      Bianca

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  3. Huhu,
    das Buch hört sich unglaublich gut an, ich brauche es auf jeden Fall! Die Frage ist nur wann ( dank Bücherkaufbverbot).
    Ich finde deine Rezension wirklich gelungen und anschaulich gestaltet, da bleibe ich gerne als neue Leserin hier!:)
    Liebe Grüße Laura

    Vielleicht schaust du ja auch mal auf meinem Blog vorbei, darüber würde ich mich sehr freuen!
    http://whiteflowersandbooks.blogspot.de/

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    1. Hallo Laura,
      es ist wirklich ein ganz tolles, außergewöhnliches Buch - sowohl literarisch als auch optisch. Und es rennt dir ja nicht weg, wenn du es erst später kaufen kannst.
      Ich freue mich, dass dir meine Rezension so gut gefallen hat und umso mehr, dass du auch als Leserin hier bleibst. Bei deinem Blog schaue ich natürlich auch gern noch vorbei :D

      Liebe Grüße zurück,
      Bianca

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  4. Huhu,
    Ich suche ja wieder nach einigen englischen Büchern und das klingt ganz nach meinem Geschmack! Danke für die Vorstellung! ;)

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    1. Gern gesehen, liebe Lena.
      Viel Spaß beim Lesen, ich bin schon gespannt auf deine Rezi :D

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